Herr, ich stehe vor Dir in diesem Augenblick.
Mit leeren Händen und einem Herzen voller Sehnsucht komme ich zu Dir. Ich bringe Dir meine Unsicherheit, meine Fragen, meine Zweifel – und auch meine leise, zarte Hoffnung, dass Du mich nicht allein lässt auf diesem Weg, dessen Ende ich nicht sehen kann.
Glaube ist mein Schritt in Deine Hand, Herr.
Es ist kein gewaltiger Sprung, kein heroischer Akt der Stärke. Es ist ein zaghafter Schritt, manchmal zögernd, manchmal ängstlich. Es ist das Ausstrecken meiner Hand in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dass Deine Hand dort ist, um mich zu halten. Es ist das Loslassen dessen, was ich sehen und kontrollieren kann, um mich dem anzuvertrauen, was ich nicht sehe, aber ahne.
Glaube ist nicht Gewissheit in meinem Verstand, sondern Vertrauen in meinem Herzen. Es ist nicht das Ende aller Fragen, sondern der Mut, trotz der Fragen weiterzugehen. Es ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung, trotz der Angst den nächsten Schritt zu wagen – in Deine Hand hinein.
Herr, führe mich, auch wenn ich den Weg nicht sehe.
Wie oft stehe ich an Kreuzungen meines Lebens und starre in den Nebel der Zukunft. Ich möchte Klarheit, ich sehne mich nach einem detaillierten Plan, einer Karte mit markierten Routen, Hinweisschildern und klaren Anweisungen. Ich möchte wissen, was morgen bringt, was nächste Woche geschieht, wie sich mein Leben in einem Jahr entfalten wird.
Aber der Nebel lichtet sich nicht. Die Zukunft bleibt verschleiert, geheimnisvoll, unvorhersehbar. Und in dieser Ungewissheit rufst Du mich, Dir zu vertrauen, meine Hand in Deine zu legen und zu gehen – auch ohne zu sehen.
Das ist die Herausforderung des Glaubens, Herr. Das ist der Ort, wo meine menschliche Natur mit Deiner göttlichen Führung ringt. Ich möchte sehen, aber Du rufst mich zu glauben. Ich möchte verstehen, aber Du lädst mich ein zu vertrauen. Ich möchte kontrollieren, aber Du bittest mich loszulassen.
Führe mich, wenn ich nicht weiß, welche Tür ich öffnen soll. Wenn Möglichkeiten vor mir liegen wie Pfade, die sich im Wald verzweigen, und ich nicht erkennen kann, welcher der richtige ist. Wenn jede Entscheidung Konsequenzen hat, die ich nicht übersehen kann, wenn jede Wahl etwas bedeutet, das meine Zukunft prägt.
Führe mich, wenn ich vor großen Entscheidungen stehe – über Beziehungen, Karriere, Familie, Berufung. Wenn ich zwischen Sicherheit und Risiko wählen muss, zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen dem, was vernünftig erscheint, und dem, wozu Du mich vielleicht rufst.
Führe mich, wenn ich in der Dunkelheit wandle, wenn Leid meinen Weg überschattet, wenn Verlust und Schmerz meine Schritte verlangsamen. Wenn Tränen meine Sicht trüben und ich nicht mehr erkennen kann, wo der Weg weitergeht. Sei Du dann das Licht, das den nächsten Schritt erhellt – mehr brauche ich nicht, nur den nächsten Schritt.
Herr, ich bekenne: Manchmal will ich Deine Führung diktieren. Ich komme zu Dir nicht nur, um geführt zu werden, sondern mit meinen eigenen Plänen, meinen eigenen Vorstellungen davon, wie mein Leben aussehen sollte. Ich bete „führe mich“, aber insgeheim meine ich „segne meinen Weg, den ich bereits gewählt habe“.
Vergib mir diese Anmaßung. Lehre mich den Unterschied zwischen meinem Willen und Deinem Weg. Lehre mich, dass wahre Führung manchmal bedeutet, dass Du mich in eine Richtung leitest, die ich nicht erwartet habe, auf einen Pfad, den ich nicht gewählt hätte, durch Erfahrungen, die ich nicht geplant hatte.
Führe mich, auch wenn Dein Weg mich durch Täler führt, die ich lieber gemieden hätte. Auch wenn er durch Wüsten geht, wo ich lieber grüne Wiesen gesehen hätte. Auch wenn er Aufstiege beinhaltet, die meine Kraft übersteigen, oder Abstiege, die meine Demut erfordern.
Hilf mir zu verstehen, dass Du den gesamten Weg siehst, während ich nur die wenigen Schritte vor mir erkenne. Du siehst das Ziel, die Bestimmung, den Sinn – während ich oft nur das Unmittelbare wahrnehme. Deine Perspektive ist ewig, meine ist zeitlich begrenzt. Deine Weisheit ist vollkommen, meine ist fragmentarisch.
Glaube ist mein Schritt in Deine Hand, Herr, aber ich bekenne: Manchmal ziehe ich meine Hand zurück. Manchmal vertraue ich meinen eigenen Instinkten mehr als Deiner Führung. Manchmal höre ich auf die Stimmen der Welt lauter als auf Deine leise Stimme. Manchmal lasse ich Angst, Stolz oder Ungeduld meine Schritte bestimmen statt Deiner sanften Leitung.
Vergib mir mein schwankendes Vertrauen. Stärke meinen Glauben, nicht damit er perfekt wird, sondern damit er echt wird. Nicht damit ich nie zweifle, sondern damit ich lerne, im Zweifel zu Dir zu kommen. Nicht damit ich nie stolpere, sondern damit ich weiß, dass Deine Hand mich auffängt, wenn ich falle.
Führe mich, Herr, durch die alltäglichen Entscheidungen, nicht nur durch die großen Lebensfragen. Führe mich in Gesprächen, die ich heute führe, in Begegnungen, die auf meinem Weg liegen, in kleinen Momenten, wo ich wählen kann zwischen Geduld und Ärger, zwischen Güte und Gleichgültigkeit, zwischen Wahrheit und Bequemlichkeit.
Lehre mich, dass Führung nicht nur für dramatische Momente ist, sondern für jeden Schritt, jeden Tag, jede Stunde. Dass ich Deine Hand nicht nur in Krisen suchen soll, sondern auch im Gewöhnlichen, im Alltäglichen, im scheinbar Unbedeutenden.
Führe mich in meinen Beziehungen – lehre mich zu lieben, wie Du liebst, zu vergeben, wie Du vergibst, zu dienen, wie Du dienst. Zeige mir, wann ich sprechen und wann ich schweigen soll, wann ich festhalten und wann ich loslassen muss, wann ich geben und wann ich Grenzen setzen sollte.
Führe mich in meiner Berufung – was auch immer sie sein mag. Ob groß oder klein in den Augen der Welt, lass sie bedeutungsvoll sein in Deinen Augen. Hilf mir zu erkennen, wofür Du mich geschaffen hast, welche Gaben Du mir gegeben hast, welchen Beitrag ich leisten kann in dieser Welt, die Du so liebst.
Führe mich durch die Jahreszeiten meines Lebens – durch den Frühling neuer Anfänge, den Sommer der Fülle, den Herbst der Veränderung, den Winter der Stille. Lehre mich, dass jede Jahreszeit ihren Sinn hat, dass keine umsonst ist, dass Du in allen Jahreszeiten gegenwärtig bist und wirkst.
Herr, ich bitte nicht darum, den ganzen Weg zu sehen. Ich bitte nicht um eine Karte der Zukunft oder um Garantien, dass alles leicht sein wird. Ich bitte nur um Deine Hand – heute, jetzt, in diesem Moment. Ich bitte um die Gewissheit, dass Du bei mir bist, dass ich nicht allein gehe, dass Deine Treue mich trägt.
Glaube ist mein Schritt in Deine Hand, und ich wähle heute diesen Schritt zu tun. Nicht weil ich stark bin, sondern weil Du stark bist. Nicht weil ich sehe, sondern weil Du siehst. Nicht weil ich verstehe, sondern weil ich Dich kenne – und das genügt.
Lass jeden Schritt, den ich heute gehe, ein Akt des Vertrauens sein. Lass jede Entscheidung, die ich treffe, von dem Bewusstsein geprägt sein, dass Deine Hand mich führt. Lass jeden Augenblick der Ungewissheit eine Gelegenheit sein, meine Hand fester in Deine zu legen.
Und wenn dieser Tag zu Ende geht und die Nacht kommt, lass mich in Frieden ruhen, wissend, dass Du nicht schläfst, dass Deine Führung nicht endet, dass Deine Hand mich auch durch die Nacht hindurch hält.
Morgen wird ein neuer Tag kommen mit neuen Wegen, neuen Entscheidungen, neuen Unsicherheiten. Aber auch mit einer neuen Gelegenheit, diesen Schritt des Glaubens zu wiederholen – meine Hand in Deine zu legen und zu sagen:
Herr, führe mich, auch wenn ich den Weg nicht sehe.
Denn Glaube ist mein Schritt in Deine Hand.
Und Deine Hand lässt mich niemals los.
Amen.
Kommentare von Pater Berndt